«Politik beginnt mit Zuhören.»

26. Mai 2026
Reto Müller, der abtretende Stadtpräsident, hat Langenthal fast zwei Jahrzehnte lang politisch mitgeprägt: Nach fünf Jahren im Stadtrat wurde er 2008 als jüngster Stadtratspräsident der Geschichte Langenthals vereidigt, 2009 in den Gemeinderat gewählt und übernahm 2017 das Stadtpräsidium. Ab dem 1. Juni gestaltet er als Regierungsrat die Bildungs- und Kulturpolitik des Kantons Bern mit. Im Gespräch blickt er auf Erfolge, offene Baustellen und persönliche Erkenntnisse zurück – und erklärt, weshalb Zuhören in der Politik oft wichtiger ist als schnelle Antworten.

Wenn du heute durch Langenthal gehst: Was siehst du anders als vor 10 Jahren?
Langenthal ist sich seiner Stärken und Schwächen bewusster geworden – und das, ohne sich abzuschotten. Im Gegenteil: Die Zusammenarbeit mit den umliegenden Gemeinden hat sich deutlich verbessert.
Das Projekt «Gartenagglo» ist ein schönes Beispiel dafür. Die Idee war einfach, aber nicht selbstverständlich: Langenthal tritt nicht mehr allein bei den Agglomerationsprogrammen auf, sondern gemeinsam mit den umliegenden Gemeinden – Bleienbach, Aarwangen, Lotzwil, Roggwil, Thunstetten. Ziel: wir entwickeln die Region als gemeinsamen «Garten»: qualitative Grünräume, bessere Verbindungen, ein bewussterer Umgang mit der einzigartigen Landschaft des Smaragdgebiets. Das hat uns letztlich auch die Bundesgelder für die Agglomerationsprogramme gesichert, die wir als Einzelstadt sonst verloren hätten.  Mittel, die direkt in Verkehr, Siedlung und Lebensqualität fliessen. Das ist Zusammenarbeit, die man sieht und spürt.
Ich sehe auch den «neuen» Bahnhof entstehen, sanierte Strassen, Überbauungsordnungen und Projekte, die damals noch Skizzen waren. Aber ich nehme auch vorhandene Mängel wahr: den Zustand der Kindergärten und der Schulanlagen in der Elzmatte und im Hard, die fehlende Perspektive für die Alte Mühle, dass Langenthal sich manchmal zu wenig zutraut. Ich habe nicht alles geschafft – das sage ich ohne Umschweife. Aber ich glaube, die Stadt weiss heute besser, wohin sie will. 


Wenn du auf deine Zeit als Stadtpräsident zurückblickst: Was hat dich persönlich besonders geprägt?
Die Menschen. Nicht die grossen Entscheide, sondern die Begegnungen – bei der Arbeit, an Anlässen, auf der Strasse, in schwierigen Gesprächen. Als Stadtpräsident habe ich gelernt, dass Zuhören das Wichtigste ist, was ich tun kann. Am Anfang dachte ich, dass Mitteilen wichtiger wäre. Viele Gespräche haben mich mehr verändert als jede Abstimmung.


Was nimmst du aus dieser Zeit für dein weiteres Leben mit?
Die Überzeugung, dass hartnäckige Zielorientierung und Menschlichkeit kein Widerspruch sind. Der Wuhrplatz ist dafür ein gutes Beispiel: Vom ersten Vorstoss bis zur Umsetzung hat es Jahre gedauert, es gab Widerstände, Diskussionen um die Sinnhaftigkeit und eine Szenebildungen, Rückschläge bei der Bewirtschaftung durch SIP. Mittlerweile ist er ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, ergänzt mit begrünter Möblierung – mitten im Zentrum, mit verschiedenen Interessen, aber sehr friedlich. Das ist lokale Politik – anfassbar, begreifbar, und sie verbessert wirklich die Lebensumstände der Menschen vor Ort.


Was hat dich im Alltag als Stadtpräsident besonders gefordert – und was hat dir Energie gegeben?
Gefordert hat mich manchmal die Gleichzeitigkeit. Als Stadtpräsident gibt es keinen Arbeitstag ohne fünf parallele Baustellen – und man muss trotzdem für Einzelnes präsent sein, für die Verwaltung, für die Bevölkerung, für den Gemeinderat. Die Erwartung, immer ansprechbar zu sein, ist real. Und die Erwartung, dass eine Antwort stets sofort und kompetent zu sein hat, ist gestiegen.
Energie gegeben hat mir, wenn etwas funktioniert hat, das lange nicht funktioniert hat. Wenn ein Projekt, an dem viele mitgearbeitet haben, effektiv Gestalt annimmt. Und ehrlich gesagt: Auftritte in «meinem» Langenthal selbst – die Bevölkerung gab mir immer Energie zurück.


Wo hast du in deiner Amtszeit am meisten über dich selbst gelernt?
Am meisten habe ich gelernt, wenn es unbequem wurde. Zu Beginn war ich – ich sage das offen – ein ausgeprägter People Pleaser. Ich wollte es allen recht machen, jeder Erwartung gerecht werden, niemanden vor den Kopf stossen. Und irgendwann habe ich gemerkt: Wer es allen recht machen will, macht es am Ende niemandem wirklich recht. Das war eine wichtige Erkenntnis, und sie hat mich verändert: Ich bin klarer geworden. Ich habe gelernt, früher zu sagen, was ich will und denke. Als Lehrer war ich es mir gewohnt, Dinge und Entscheide erklären zu wollen. Als Stadtpräsident muss man manchmal auch einfach entscheiden – und dazu stehen, ohne sich stets zu begründen.


Gibt es etwas, das du heute – politisch oder privat – anders priorisieren würdest als zu Beginn deiner Amtszeit?
Ich würde mir mehr Zeit nehmen für die Dinge, die keine oder wenig Öffentlichkeit haben: die internen Gespräche, die Entwicklung von Menschen in der Verwaltung, das stille Langzeitdenken. Das alles kommt meist im hektischen Alltag des Stadtpräsidiums zu kurz. Privat haben meine Familie und ich die Amtszeit sehr gut gemeistert. Ich bin ihnen unglaublich dankbar, dass sie das alles so mitgemacht und mitgetragen haben.


Hat sich die Aufgabe eines Stadtpräsidenten in den letzten Jahren verändert – und wenn ja, wie?
Ja, deutlich. Die Geschwindigkeit ist gestiegen – durch die sozialen Medien, durch den Erwartungsdruck der Öffentlichkeit. Früher hatte man Zeit, eine Position zu erarbeiten. Heute wird erwartet, dass bereits eine Haltung da ist, bevor das Problem richtig beschrieben ist. Ich habe gelernt, dieser Versuchung zu widerstehen, auch wenn es die Zeit auszuhalten gilt, bis man gemeinsam mit der Verwaltung zu einer fundierten Antwort kommt. 
Dazu kommt etwas Strukturelles: Gremien fordern heute einen viel stärkeren Einbezug – nicht erst bei der Entscheidung, sondern bereits bei der Entstehung von Aufgaben. Das ist grundsätzlich richtig. Aber es stellt das Milizsystem vor echte Fragen: Was ist noch tragbar? Wie lässt sich ein guter Einbezug gewährleisten, ohne dass die Belastung für Milizpolitikerinnen und -politiker ins Unrealistische steigt? Diese Frage wird die Gemeindepolitik in den nächsten Jahren beschäftigen – und sie verdient eine ehrliche Antwort.


Wie viel Gestaltungsspielraum hat ein Stadtpräsident tatsächlich im Alltag?
Mehr als viele denken – aber anders als viele denken. Der formale Spielraum ist begrenzt: Gemeinderat, Stadtrat, Finanzkompetenzen, rechtliche Rahmenbedingungen sind sehr eng gesteckt. Der informelle Spielraum ist grösser: Agenda setzen, Haltung zeigen, Brücken bauen, wo andere Gräben sehen. Das Amt ist vor allem ein Amt der Beziehungspflege und -gestaltung zu allen Stakeholdern – nach innen und nach aussen.


Braucht eine Stadt heute noch einen Stadtpräsidenten – oder könnte die Aufgabe anders organisiert werden?
Ja. Nicht weil es immer so war, sondern weil eine Stadt eine Stimme und einen Kopf braucht – jemanden, dessen Aufgabe nicht das Verwalten, sondern das Gestalten ist. Eine Stadt ist mehr als ihre Prozesse. Sie ist ein Versprechen für ein gutes Leben, für die bestmöglichen Rahmenbedingungen – und dieses Versprechen braucht ein Gesicht.
Dazu kommt etwas, das man nicht unterschätzen darf: Die Bürgerinnen und Bürger brauchen eine unabhängige Anlaufstelle – jemanden, an den sie sich wenden können mit Sorgen, Kritik, Beschwerden. Eine Stelle, die zuhört, ohne gleich in der Logik der Verwaltung zu antworten. Lob kommt dabei eher selten. Aber das gehört dazu.


Wo liegen die grössten Unterschiede zwischen dem Stadtschreiber und dem Stadtpräsidenten?
Der Stadtschreiber ist das institutionelle Rückgrat der Stadt – er sichert Verlässlichkeit, Rechtssicherheit und die Qualität der Verwaltungsarbeit. Ohne diese Basis kann Politik nicht wirken. Der Stadtpräsident trägt die politische Verantwortung, setzt Impulse und muss bereit sein, sich zu exponieren. Beide sind unverzichtbar – und beide gestalten, aber auf unterschiedlichen Ebenen: Der eine sorgt dafür, dass die Dinge gut gemacht werden. Der andere dafür, dass aus Sicht der Politik die richtigen Dinge angegangen werden.


Gibt es Bereiche, in denen sich Politik und Verwaltung bewusst ergänzen müssen?
Ja, besonders in der Frage der gemeinsamen Ziele und der Prioritäten. Die Verwaltung denkt eher in Prozessen und Zuständigkeiten auf dem Weg ans Ziel. Die Politik denkt meist in Zielen und Wirkungen am Schluss. Wenn beides nicht zusammenkommt, entstehen entweder bürokratische Blockaden oder politische Luftschlösser. Das bewusste Gespräch darüber – nicht als Konflikt, sondern als produktive Spannung – was die Politik mit den vorhandenen Ressourcen realistischerweise anstreben kann, ist entscheidend.


Was braucht es, damit Politik und Verwaltung gut zusammenspielen?
Respekt für die andere Logik. Und direkte Kommunikation. Wenn die Verwaltung weiss, wohin die Politik will, kann sie mitgestalten statt nur ausführen. Wenn die Politik versteht, was die Verwaltung kann und was nicht, wird sie realistischer – und wirksamer.


Wo siehst du aktuell die grössten Chancen für die Stadtentwicklung?
Langenthal hat eine gute Ausgangslage: Lage, Grösse, Wirtschaftskraft. Die grösste Chance liegt darin, den Mut aufzubringen, sich als Regionalzentrum mit seinen Stärken noch klarer zu positionieren.
Das kostet Geld, es sind aber Investitionen kantonal und kommunal, die sich meines Erachtens rechnen: in Schulen und Bildungsinfrastruktur, in Kulturangebote, in Orte, an denen Menschen gerne Zeit verbringen. Wer heute wählen kann, wo er lebt, entscheidet sich für einen Wohnort, der in seine Qualität investiert. Das sind dann auch Menschen, die hier Wurzeln schlagen, Familien gründen, Steuern zahlen.


Was gibst du deiner Nachfolgerin oder deinem Nachfolger mit auf den Weg?
Nimm dir Zeit, zuzuhören – auch wenn der Kalender das nicht vorsieht. Wirklich zuhören. Nicht um eine Antwort vorzubereiten, sondern um zu verstehen. Die Menschen in dieser Stadt spüren sehr schnell, ob jemand präsent ist oder nur anwesend.
Die Stadt kennt sich selbst besser als jede Strategie. Geh raus, triff Menschen, lass dich überraschen. Die wichtigsten Impulse kommen selten aus dem Sitzungszimmer heraus.
Und dann: Trau dir, unbequeme Positionen zu vertreten. Empathie bedeutet nicht, es allen recht zu machen. Es bedeutet, Menschen ernst zu nehmen. Auch dann, wenn man am Ende anders entscheidet als sie es sich persönlich wünschen.


Gibt es etwas, das du den Einwohnerinnen und Einwohnern mitgeben möchtest?
Dass Langenthal ein guter Ort ist, um zu leben. Nicht perfekt, aber lebendig, bodenständig und mit echtem Entwicklungswillen.
Und liebe Bürgerinnen und Bürger: Schalten Sie sich ein. Lokalpolitik ist die Demokratie in ihrer greifbarsten Form – hier kann jede und jeder wirklich etwas verändern. Aber es muss nicht Politik sein. Die rund 150 Vereine dieser Stadt leisten Unglaubliches – sie sind das Bindegewebe, das eine Gemeinschaft zusammenhält. Was mich wirklich bewegt: Viele Menschen, die hier wohnen, leben hier auch wirklich. Sie engagieren sich, sie gestalten mit, sie geben dieser Stadt ihr Gesicht. Das ist etwas wahnsinnig Schönes – und es ist kein Selbstverständnis, das man einfach so bekommt.


Worauf freust du dich in deinem neuen Job und mit Blick auf deine persönlichen Ziele in der Zukunft am meisten?
Es fühlt sich an wie ein Nachhausekommen. Ich bin Lehrer – das war mein erster Beruf, meine erste Leidenschaft, mein erstes eigentliches Versprechen an Kinder und Jugendliche in dieser Gesellschaft. Nun kehre ich in diese Welt zurück, aber auf einer anderen Ebene: als Regierungsrat, der Bildungs- und Kulturpolitik für den ganzen Kanton Bern mitgestalten darf.
Bildung ist das, woran ich glaube. Nicht als Ressort – sondern als grundlegende gesellschaftliche Investition. Jede Schule, die gut aufgestellt ist, jede Lehrperson, die unterstützt wird, jedes Kind, das eine echte Chance bekommt: Das ist nachhaltige Politik, die sich nicht in einer Legislatur erschöpft.
Und Kultur ist nicht bloss Dekoration. Kultur ist der Raum, in dem eine Gesellschaft über sich selbst nachdenkt, streitet, wächst.
Ich sage das nicht abstrakt. Ich habe im Chrämerhuus freiwillig mitgearbeitet, ich kämpfe heute für die Renovation des Kunstmuseums in Bern. Und ich kenne Albert Ankers Worte, die er 1871 als Grossrat gesprochen hat: dass Kunstgegenstände bleiben, während Menschen vergehen. Das hat mich nie losgelassen. Wir haben als Gesellschaft eine Pflicht, diesen Raum zu erhalten – und zu stärken.

Ich freue mich auf diese Aufgabe. Mit ganzer Überzeugung. Und ich wünsche Langenthal das Allerbeste.


Herzlichen Dank, lieber Reto, für dieses offene Gespräch, deine klaren Worte und deinen langjährigen Einsatz für Langenthal. Mit grossem Engagement, Haltung und Menschlichkeit hast du die Stadt über viele Jahre mitgeprägt und wichtige Entwicklungen angestossen.
Für deine neue Aufgabe als Regierungsrat wünschen wir dir viel Erfolg, Freude und weiterhin den Mut, Dinge mit Überzeugung zu gestalten. Und persönlich wünschen wir dir und deiner Familie von Herzen alles Gute für diesen neuen Lebensabschnitt.

 

Reto Müller gestaltet ab dem 1. Juni als Regierungsrat die Bildungs- und Kulturpolitik des Kantons Bern mit. Foto: Fabian Hugo

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